Beratungsdienst von Silvana Keller mit Interview

Die Qualität einer Schule zeigt sich nicht nur mit gutem Unterricht, sondern vor allem dann, wenn Lernende in Schwierigkeiten stecken!
Die Kernaufgabe einer Schule ist der Unterricht, der die Lernenden und Studierenden zu ihren erfolgreichen Abschlüssen führt. Die Lehrpersonen und Dozierenden werden für diese Herausforderung nicht nur fachlich, sondern auch pädagogisch und didaktisch geschult.
Das Unterrichten ist eine sehr herausfordernde Tätigkeit. Während 15-Jährige in den Grundbildungen mit einer Lehre noch in der Pubertät stecken und oft disziplinarisch enger geführt werden müssen, bringen die 25-Jährigen in den Weiterbildungen höhere Anforderungen und Erwartungen an die fachliche Kompetenz.

Unsere regelmässigen Befragungen der Lernenden und Studierenden belegen, dass die Lehrpersonen und Dozierenden an der Juventus Schule für Medizin herausragende Arbeit leisten und hohe Erfolgsquoten bei den Abschlüssen erreichen. Die Kernaufgabe unserer Lehrpersonen ist und bleibt das Unterrichten. Lehrpersonen bauen mit den Lernenden mit der Zeit aber auch eine für das Lernen sehr wichtige Beziehung auf und sind als Respektperson für Jugendliche gerne die erste Anlaufstelle bei Problemsituationen. Unsere Lehrpersonen sind im Umgang mit schwierigen Situationen geschult.

Es gibt jedoch bei jeder Lehrperson im Laufe einer Karriere Ereignisse, die sie an die Grenze des Möglichen führen. Insbesondere in der Grundbildung kämpfen Jugendlich im Prozess des Erwachsenwerdens oft in schwierigen Situationen. Probleme am Arbeitsort, Konflikte im Elternhaus und unter Kolleginnen und Kollegen sind für Jugendliche nicht immer leicht zu bewältigen. Zum einen befinden sie sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Ausbilderinnen/Ausbildnern und zum anderen durchlaufen sie einen Ablösungsprozess von den Eltern. Dieser Weg ist oft steinig und selten konfliktlos. Zunehmend sind Jugendliche in einem multikulturellen Umfeld auf Unterstützung angewiesen.

Aus diesem Grund wurde an der Juventus Schule für Medizin im März 2015 die Beratungsstelle geschaffen. Frau Silvana Keller führt die Beratungsstelle und ist speziell geschult, um jungen Menschen zu helfen mit schwierigen Situationen umgehen zu lernen.

Das folgende Interview gibt einen eindrücklichen Einblick in die Tätigkeit von Frau Silvana Keller.

Frau Keller, wie sind Sie zu dieser Aufgabe der Beratungsstelle gekommen?
In meiner früheren Tätigkeit war ich bereits an der Wirtschaftsschule im Bereich der Kaufmännischen Ausbildung als Coach und Praktikumsbetreuerin tätig. Der Direktor, Matthias Rüegg, und die ehemalige Rektorin, Irene Lendenmann boten mir bereits 2013 an, diese Funktion auch erweitert auf die medizinische Grundbildung auszuweiten. Im Frühling 2015 wurde die Beratungsstelle ins Leben gerufen.

Welche Aufgaben/Angebote beinhaltet die Beratungsstelle?
Die Krisenintervention, Unterstützung bei familiären Problemen, Schwierigkeiten an der Lehrstelle, Lern- und Motivationsschwierigkeiten und auch Suchtproblematiken bilden den Schwerpunkt der Themen der Beratungsstelle.

Was denken Sie benötigt eine Person, um eine solche Tätigkeit auszuüben?
Ein Coach in meiner Position muss vor allem ein grosses Interesse und Freude im Umgang mit Jugendlichen haben. Es braucht viel Empathie, Authentizität, und die Fähigkeit zu ermuntern und zu begeistern. Das Zuhören ist der Schlüssel, da sich die Lernenden bereits sehr gut ausdrücken können, wie es Ihnen geht. Es ist dabei essentiell, den Lernenden mit viel Respekt zu begegnen.

Als Coach muss ich ausserdem über einen gefüllten Werkzeugkoffer verfügen, um eine Vielfalt an Unterstützungsmöglichkeiten anbieten zu können.
Wichtig dabei ist auch eine hohe Konflikttoleranz. Hier hilft mir natürlich meine langjährige Berufs- und Lebenserfahrung.

Wie gehen Sie bei Motivationsmangel vor?
Zuerst muss im Gespräch die aktuelle Situation gesamtheitlich erfasst werden, sei es wie gelernt wird und wie schwierig es ist, etwas im Kopf zu behalten.
Danach versuchen wir den Grund für die Lernblockade gemeinsam herauszufinden. Normalerweise wissen dies die Lernenden bereits sehr genau. Sie wissen oft woher und seit wann die Problematik aufgetreten ist.

Da die meist sehr verzweifelten Lernenden ein möglichst sofortiges Erfolgserlebnis erfahren sollen, evaluiere ich zuerst die Lerntypen, um daraus die unterstützenden und erweiterten persönlichen Lernmethoden zusammen zu stellen und um diese dann zu trainieren. Erst danach erstellen wir einen detaillierten Lernplan, der diszipliniert eingehalten werden muss. Sofern dieser Lernplan auch realistisch ist mit Einbezug von Freizeit und Pausen, erleben die Lernenden rasch bessere Leistungen bei den kommenden Prüfungen. Bei allen hilfesuchenden Lernenden hat dies bisher immer zum Erfolg geführt.

Dann meinen Sie, dass der Schlüssel in der Eigenmotivation liegt?
Ja, natürlich. Meine Hauptmotivation ist es, die Eigenmotivation und die Selbstverantwortung der Lernenden zu stärken und zu fördern.
Zusätzlich versuche ich zu vermitteln, dass es sinn- und wertvoll ist, sich in schwierigen Situationen aktiv Unterstützung zu holen. Dies ist ein Teil des Erwachsen sein, Selbstverantwortung zu übernehmen.

Wer kommt zu Ihnen?
Lernende aus den MPA und TPA, Eltern, Lehrpersonen und zunehmend auch Berufsbildner wie Ärzte und Ärztinnen.
Die Beratungsstelle unterstützt auch in Situationen wie bei der Auflösung des Ausbildungsvertrages und bietet Hilfeleistungen bei der Ausbildung von jungen Menschen.

Es kommt vor, dass ich alleine oder gemeinsam mit einem Vertreter des Mittel- und Berufsbildungsamt Zürich in eine Praxis gehe oder auch ganze Teams von Arzt- oder Tierarztpraxen mich in der Beratungsstelle besuchen, damit ich sie bei der Ausbildung von Lernenden unterstützen und begleiten kann.
Uns ist es an den Juventus Schulen sehr wichtig, dass möglichst Lehrabbrüche vermieden werden können. Bei Konfliktsituationen am Arbeitsplatz versuchen wir immer eine gemeinsame und konstruktiv machbare Lösung zu finden.

Gerne gebe ich Ihnen ein Beispiel:
T, 16 Jahre alt und Tiermedizinische Praxisassistentin, kam neulich zu mir. T. fiel es sehr schwer mit den Patienten in der Praxis den Kontakt herzustellen, weil sie sehr scheu und zurückhaltend ist. So wurde T. von Ihrem Arbeitgeber zu mir geschickt, um ihr helfen zu können. Am ersten Gespräch war auch die Mutter anwesend.

Spielerisch hat T. aufgezeichnet, welche Arbeiten sie in der Praxis gerne und vor allem gut macht. Thematisiert wurde auch ihre Angst vor ihrem Chef, Angst davor Fehler zu machen.

T. erstellte eine Checkliste ihrer wichtigsten Abläufe zu den anfallenden Arbeiten, welche sie ihrem Chef zeigte. Dieser war begeistert und bat sie die gleich für weitere Abläufe zu erstellen. Damit schien zum ersten Mal das Eis gebrochen zu sein. T. getraute sich jetzt auf ihren Chef zuzugehen und ihn direkt anzusprechen. Dies wurde von ihrem Ausbildner sehr geschätzt und T. erhielt entsprechendes Lob. Die Patienten stellten ebenfalls eine positive Veränderung fest und machten T. viele Komplimente.
Dieses reale Beispiel soll aufzeigen, dass es mit wenigen Werkzeugen oder Instrumenten möglich ist, in kurzer Zeit sicht- und erlebbare Resultate zu erreichen, die das Selbstvertrauen stärken und eine nachhaltige Wirkung haben.

Wie vielen jungen Menschen konnten Sie schon helfen?
Schätzungsweise durfte ich bereits über 750 jungen Menschen unterstützen. Dazu zähle ich auch Eltern, Lehrpersonen und Ausbilderinnen.

Woher wissen Sie, dass ihre Beratung hilfreich ist oder nicht?
Sobald ich nichts mehr von meinen Klienten höre, weiss ich, dass die Beratung erfolgreich war. Ich schätze natürlich auch die positiven Feedbacks, die ich im Nachhinein von den Lernenden und den Eltern erhalte.

Wie gehen Sie persönlich damit um, von doch zum Teil sehr schwierigen Situationen junger Menschen zu erfahren?
Ich gehe auch selber in ein Coaching, um auch meine Arbeit und mich selber zu reflektieren. Ebenso bin ich privilegiert in einem wunderbaren Kolleginnenteam arbeiten zu dürfen, dich mich in meiner Arbeit sehr unterstützen.

Ich schätze es, dass die Beratungsstelle auch im Bereich der Stellenprozente durch das Rektorat ausgebaut wurde, da dem Rektor diese Unterstützung für die Lernenden sehr wichtig ist.

Welches sind Ihre weiteren Unterstützungsmöglichkeiten, sprich Jobcoaching, die Sie anbieten können?
Das Jobcoaching ist modular aufgebaut. In drei Schritten, sprich Angeboten, kann eine Standortbestimmung erfolgen, ein professionelles Bewerbungsdossier mit Kompetenzprofilen erstellt werden bis hin zum Training für ein Bewerbungsgespräch.
Im Zentrum steht das Erkennen und sichere Formulieren der eigenen Kompetenzen.

Sehen Sie zu früher einen Unterschied bei den Jugendlichen und ihrem Umfeld?
Klar hat sich das Umfeld der Lernenden stark verändert. Die Themen der Jugendlichen nicht. Die Auseinandersetzung mit der Frage wer bin ich, das Bedürfnis dazu zu gehören, angenommen und als Person Wertschätzung und – das tönt jetzt vielleicht etwas pathetisch – ganz einfach geliebt zu werden – diese Themen stehen im Zentrum. Ich bin immer wieder beeindruckt, mit wie viel Kraft und Humor die Lernenden ihren Weg gehen, und mir mit sehr viel Respekt begegnen. Für mich sind das sehr wertvolle Erfahrungen.